Warum dich Work-Life-Balance aus der Balance bringt

 

Von Abgründen, High Heels und Glaubenssätzen

 

…und plötzlich fehlte die Balance

 

Vor dir liegt ein Abgrund. Tief, dunkel, kalt, mit spitzen Felskanten und einem reißenden eisigen Strom. Trotzdem möchtest du ihn überqueren. Dafür darfst du auf einem Seil balancieren, das zwischen deiner Seite und der gegenüberliegenden gespannt ist. Keine leichte Aufgabe, aber du kannst das.

Also gehst du los, setzt vorsichtig einen Fuß vor den anderen, hältst die Arme gleichmäßig ausgestreckt, merkst, dass du in den Flow kommst, wirst selbstsicherer und fühlst dich gut dabei. Keine Angst vor dem Abgrund, keine Zweifel, dass du es nicht schaffen könntest. Es läuft. DU läufst!

Doch langsam merkst du, dass irgendeine Kraft anfängt, deinen rechten Arm nach unten zu ziehen. Ganz sanft. Kein Problem, das kannst du gut ausgleichen, indem du dich etwas nach links lehnst.

Dann wird die Kraft stärker und es fällt dir immer schwerer mit dem linken Arm den Ausgleich zu finden. Du schwebst nicht mehr über das Seil, wie gerade noch, du kämpfst nur noch, um das Gleichgewicht zu halten. Du genießt den Weg nicht mehr, die Aussicht, das gute Gefühl.

Wenn es gut läuft schleppst du dich mit letzter Kraft auf die andere Seite. Wenn es schlecht läuft stürzt du in die Tiefe.

Work-Life-Balance – der falsche Schuh

 

Das ist auch das Problem am Prinzip Work-Life-Balance. Es stellt die Arbeit auf die eine und dein Leben auf die andere Seite. Linker Arm, rechter Arm. Es ist keine Achse mehr, die dein Leben, dein Gang über das Seil, stabilisiert. Es ist immer die eine Hälfte und die andere, die du aneinander ausgleichen musst. Kraft, Mühe, Anstrengung, und auch Zeit.

Willst du das wirklich? Diesen ständigen Kampf den einen Teil mit dem anderen auszutarieren? Diesen Kraftakt, der mehr Energie saugt als er dir gibt? Denn ist es nicht immer das Leben, von dem du etwas abgibst, um der Arbeit auf ihrer Seite der Waagschale etwas draufzutun? Möchtest du wirklich von der Waagschale deiner Lebenszeit immer etwas opfern für eine ungeliebte Arbeit? Ich schätze nicht.

Die Arbeit ist in diesem Gleichnis stets der störende Faktor. Oder kennst du jemanden, der sagt: „Och Mist, jetzt muss ich schon wieder früher aus der Arbeit gehen, weil ich noch ein Buch lesen/meine Freundin treffen/einen Spaziergang im Sonnenschein machen muss!“?

Wer hat eigentlich gesagt, dass es ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben geben muss?

Und wer hat eigentlich gesagt, dass das zwei Paar Schuhe sind? Ein bequemes Paar Birkenstocks und ein Paar zu enge High-Heels, bei denen man abends froh ist, sie von sich werfen zu können?

 

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Warum nicht ein passendes Paar Schuhe, das bequem ist, gut aussieht und du es gerne trägst, quasi zu jeder Gelegenheit?

Warum also keine Arbeit, die dir deinen Lebensunterhalt finanziert, deinem Tun einen Sinn gibt und dir Spaß macht?

Nicht „entweder-oder“ sondern beides, ohne herumgeschachere.

Arbeit ist Leben und Leben ist Arbeit.

 

Schauen wir uns die Realität mal genauer an.

Die meisten Menschen müssen arbeiten gehen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ob das jetzt eine Büroangestellte in Köln, eine Näherin in Neu Delhi oder eine Ärztin in New York ist.

Wenn du dich nicht gerade für ein autarkes Selbstversorger-Leben im Wald entschieden hast, ist das nun mal so. Früher haben wir Mammuts gejagt und Beeren gesammelt, heute gehen wir arbeiten.

Das ist auch gut so. Der Mensch braucht eine Beschäftigung, um glücklich zu werden.

Der Unterschied zwischen dir und den Steinzeitmenschen oder der Näherin in Neu Delhi ist, dass du erstens eine Wahl hast, wie du deinen Lebensunterhalt sicherst und dass du zweitens den Drang nach einem sinnvollen Tun und einer erfüllenden Aufgabe hast. Sonst würdest du diesen Artikel wohl nicht lesen 😉

Die Realität sieht weiterhin so aus, dass der Begriff (und auch die Tätigkeit) des Arbeitens mit anstrengender, pflichterfüllender und oft auch für soziales Ansehen unerlässlicher Last verbunden wird.

Schon Adam und Eva wurden mit den Worten aus dem Paradies vertrieben, dass sie nun für ihr Überleben selbst mit „harter Arbeit“ zu sorgen hätten.

Über die Generationen hinweg war es so, dass, wer nicht das Glück hatte in eine wohlhabende Familie geboren worden zu sein, seinen Lebensunterhalt verdienen musste. Meist mit einer Aufgabe, die seinem sozialen Status, Geschlecht und oft der Familientradition entsprach. Mit dieser nicht-vorhandenen Wahlmöglichkeit war es klar, dass sich die berufliche Tätigkeit nie von ihrem belastenden Image hin zu einer erfüllenden Berufung entwickeln konnte.

Zusammengefasst heißt das, du musst arbeiten, um zu überleben
und Arbeit macht keinen Spaß.

 

Diese Glaubenssätze, mit denen wir aufgewachsen sind, prägen stark die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen, wie wir uns verhalten und welche Fähigkeiten wir letztendlich ausbauen.

Nur wenn du dich bewusst mit solchen tief in dir liegenden Überzeugungen auseinandersetzt, kannst du eine bewusstere Perspektive auf dein Leben werfen.

Ohne drüber nachzudenken, dümpeln diese Überlegungen in deinem Unterbewusstsein herum und schließen für dich aus, dass es auch eine andere Möglichkeit gäbe, wie du dein Geld verdienen könntest. Du nimmst die Umstände als gegeben und unabänderlich hin.

Der Knackpunkt

 

Das ganze bringt also zwei Probleme mit sich:

  1. Durch die Annahme, du müsstest nur einen geeigneten Ausgleich für deine anstrengende Arbeit finden, stehst du dir dabei selbst im Weg, eine ganz neue Richtung einzuschlagen.
  2. Die Energie, die du in diesen Ausgleich zwischen Leben und Arbeit steckst ist anstrengend und raubt dir die Ressourcen, um Wertvolleres zu tun.

Balance durch Berufung

 

Was also ist die Lösung? Was kannst du machen, um deine eigene Balance zu finden?

Freunde dich mit dem Gedanken an, dass es ein Leben jenseits dieser zwei konträren Welten gibt. Ein Leben, in dem du etwas Sinnvolles tust, das dir Spaß macht, das du genauso gerne hast wie deine jetzigen Freizeitbeschäftigungen.

Die Balance, mit der du über das Seil tanzt, durchs Leben gehst, muss eine leichte sein, eine natürliche. Die „Arbeit“ muss ein gleichwertig schöner und sinnvoller Teil von deinem Leben werden, genau wie die schönen und sinnvollen Dinge, die du in deiner „Freizeit“ tust.

Weg von dem Gedanken „ich gehe halt arbeiten, um Geld zu verdienen“ hin zu „ich lebe meine Leidenschaft, meine Berufung, meine Fähigkeiten aus und zwar so, dass ich dafür auch noch Geld bekomme.“

Ob du dafür eine neue Anstellung finden, in deinem aktuellen Job Veränderungen vornehmen, dich für einen ganz anderen Beruf weiterbilden oder dir etwas eigenes aufbauen musst, hängt ganz von deiner persönlichen Situation ab.

Es ist nur wichtig, dass du anfängst über deine Situation und deine Möglichkeiten nachzudenken. Und nicht versuchst, eine Balance zwischen zwei Leben zu finden, die eigentlich eins sind, nur weil jede Zeitschrift etwas von Work-Life-Balance quäkt.

Hör auf, das Leben und die Arbeit als zwei Paar Schuhe zu betrachten!

 

Profilbild - Steffi LosertSteffi Losert arbeitet als Coach im Bereich Karriere und Persönlichkeitsentwicklung. Auf www.weltderchancen.de erfährst du, wie du deine Arbeit und dein Leben mit kleinen oder großen Veränderungen neu gestalten kannst. Um glücklicher, erfolgreicher, entspannter zu werden und deinen Sinn im Leben zu finden oder neu zu definieren.

 

 

 

 

 

Warum dich Work-Life-Balance aus der Balance bringt
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4 thoughts on “Warum dich Work-Life-Balance aus der Balance bringt

  • Gerade gestern habe ich auf Grund eines Kommentars folgende Frage gestellt: Ist Arbeit eigentlich noch Arbeit, wenn sie Freude macht?
    Ich habe noch keine Antwort gefunden. Auch nicht ob ich soviel arbeiten sollte wie möchte, wenn die arbeit so viel Freude macht. Kann man in seiner Leidenschaft auch ausbrennen? Da hast Du ein tolles Thema in Angriff genommen :-) In meinem Kopf rattert es und dafür Danke ich Dir.
    Bis bald und viele orangene Grüße von Kristiane

    1. Liebe Kristiane,
      Ich denke schon, dass man auch in seiner Leidenschaft ausbrennen kann, denn auch andere Lebensbereiche wie Beziehungen brauchen ihren Raum.
      Wenn es nur noch ein Thema gibt und der Rest zu kurz kommt, wird sich das irgendwann bemerkbar machen.
      Danke dir für deinen Kommentar! Ich denke darüber auch nochmal nach
      Alles Liebe,
      Martje

  • Liebe Kristiane,
    danke für Deinen Artikel. Ich bin schon lange der Überzeugung: Wenn Beruf und Berufung zusammen fallen, brauchst Du nie wieder zu arbeiten. Die Sache ist nur, dass viele noch nicht begriffen haben, dass Arbeit mehr bzw. anders sein kann/soll, als Zeit gegen Geld einzustauschen. Ich bin Scanner, ich praktiziere Reiki (mit dem ich auch Schmerzen nehmen kann), mache Marketing (also meine Klienten für ihre kunden sichtbar) und Coache in Punkto „Deinen persönlichen Seelenweg finden“. Wenn ich innerhalb von Sekunden oder Minuten jemanden, der schon seit Jahren von Arzt zu Arzt rennt, von seinen Schmerzen befreie, ist das wegen der kurzen Zeit nur Peanuts wert? Ganz sicher nicht, ebenso wenig wie eine Marketingkampagne, die einschlägt oder die Zufriedenheit eines Menschen, der endlich seinen Seelenweg gefunden hat. Und dennoch ist das Zeit gegen Geld-Denken noch in so vielen Bereichen verbreitet. Ich meine, hier muss dringend angesetzt werden. Der Erfolg zählt, nicht die Zeit, die nötig war, den zu erreichen. Da müssen wir hin kommen – als Gesellschaft.

    1. Liebe Sabine,
      ich denke auch, nicht die Minuten zählen, sondern die Leistung. Wenn jemand innerhalb von kurzer Zeit etwas tun kann für das ich Stunden brauche oder etwas, was ich sogar gar nicht kann (Reiki), dann finde ich, hat er auch sein Geld dafür verdient. Die meisten dieser Menschen haben ja auch viel Zeit in eine entsprechende Ausbildung investiert.
      Ich danke dir für deinen Kommentar!
      Alles Liebe,
      Martje

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